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28.05.20

Agnus Dei 

Das Agnus Dei, das „Lamm Gottes“ ist ein theologisches Schwergewicht, weil so vieles mitschwingt aus der biblischen Tradition sowohl aus dem Judentum als auch aus dem Christentum, aus der Liturgie, der kirchlichen Dogmatik und auch aus Kunst und Musik und nicht zuletzt aus dem volkstümlichen Glauben. Das Agnus Dei ist ein dicker „theologischer Brocken“ und zugleich bewegt man sich in der Auslegung auf dünnem dogmatischem Eis. Ich bitte um Entschuldigung für diese etwas drastisch-plastische Formulierung, aber einfach ist wirklich etwas anderes!

Vor ein paar Jahren habe ich zu Ostern einmal ein Schokoladenlamm geschenkt bekommen mit einer gestickten Siegesfahne im kalorienreichen Körper. Versehen war die Siegesfahne mit dem Christusmonogramm „XP“ (gesprochen: Chi Rho). Das sind die beiden ersten Buchstaben des griechischen Wortes Χριστός. In gewisser Weise zwei Christussymbole in einem. Die Siegesfahne habe ich verwahrt, weil sie mir - obwohl schrecklich kitschig - neben dem profanen Schokolamm, das ich nach einer gewissen Zeit doch vertilgt habe, irgendwie heilig, also besonders erschien.

Wie kann man kurzgefasst das Agnus Dei erläutern? Vielleicht so: Letztlich geht es um Versöhnung (Sühne), um Erbarmen und um Frieden.

Versöhnung (Sühne)

Neben dem Kreuz, dem Fisch und dem Chi Rho ist auch das Lamm ein in der Kunst oft dargestelltes Symbol für Christus. Manchmal allzu blutrünstig oder theologisch überhöht mit einem Blutschwall dargestellt wie auf dem berühmten Genter Flügelaltar des Künstlers Jan van Eyck aus dem 15. Jahrhundert in der gleichnamigen flandrischen Stadt. Da ergießt sich aus einer Wunde zwischen den Vorderbeinen des Lamms ein Schwall Blut und fließt in einen Messkelch, der darunter steht. Auch die Kirchenmusik kennt diese Vorstellung, z.B. im Lied Gotteslob Nr. 203, in dem es heißt: „O Lamm Gottes unschuldig, am Stamm des Kreuzes geschlachtet...“ Auch auf dem Tabernakel ein oft gesehenes Symbol.

Der Komponist des MESSIAH, Tore W. Aas, schreibt unter das Agnus Dei den Bezug zum Matthäusevangelium (Mt 26,26-30). Das stimmt nicht so ganz... Der Komponist komponiert hier nicht nur die Melodie, sondern auch schon den Text: er kombiniert die Erzählung vom letzten Abendmahl aus dem Matthäusevangelium mit der feststehenden liturgischen Formel des Agnus Dei, die sich eigentlich auf Johannes 1,29 bezieht. Das ist natürlich schon Interpretation, aber so machen wir Menschen das. Wenn wir vom Leben Jesu erzählen sollten, würden wir bestimmt mit der Kindheitsgeschichte anfangen, der Geburt Jesu, dem Stall von Bethlehem, auch wenn sie nur beim Evangelisten Lukas überliefert ist. Wir würden bestimmt unsere eigene Lebensgeschichte Jesu erzählen und vielleicht zum Leidwesen der vier Evangelisten etwas ganz Neues komponieren und so ihr je wunderbares Gesamtwerk und ihre je eigene theologische Aussage zerstören. Damit will ich nicht sagen, dass der Komponist Thore W. Aas dies getan hat, wir müssen jetzt nur einiges wieder auseinanderdividieren.

In der genannten Textstelle des Matthäusevangeliums geht es um den Lobpreis über das Brot und über den Wein, die im Hochgebet adaptiert wurden: „Nehmt und esst; das ist mein Leib.“ (Mt 26,26) und Mt 26,27f: „Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sagte: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Kein biblischer und kein gläubiger Mensch hört solche Textstellen quasi im luftleeren Raum, sondern immer vor dem Hintergrund der eigenen Glaubenserfahrungen und Glaubenstraditionen. Das ist natürlich auch bei den Evangelisten so und auch hier beim Evangelisten Matthäus: Ein Text aus dem Buch Jesaja (8. Jh. v.Chr.) klingt an, das sogenannte Lied vom Gottesknecht in Jesaja 53,5-7: „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der HERR ließ auf ihn treffen die Schuld von uns allen. Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, so tat auch er seinen Mund nicht auf.“

Diese Tradition aus dem Prophet Jesaja beeinflusst die Idee vom Lamm Gottes, vom Sühnetod Jesu Christi. Und so heißt es im liturgischen Text: „Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt, erbarme dich unser.“ Diese liturgische Formel des Lamm Gottes zur Brotbrechung vor der Kommunion zitiert jedoch den Anfang des Johannesevangeliums mit seiner eigenen Sichtweise und seinem eigenen Schwerpunkt. In Johannes 1,29 heißt es: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ Manche Übersetzungen lauten auch: „ ...der die Sünde der Welt wegträgt.“ Auch der Evangelist Johannes nimmt religiöse Traditionen und religiöses Hintergrundwissen seiner Zeit auf und fügt es gleich zu Beginn seines Evangeliums zusammen zu seinem Thema: Hier geht es um Jesus, den Christus, den Sohn Gottes, der für uns stirbt, der unsere Schuld auf sich nimmt durch den Tod am Kreuz. An ihn sollen wir glauben, zu ihm sollen wir uns bekennen, so Johannes. Das ist das theologische Programm des Evangelisten Johannes und das stellt er gleich zu Beginn wie eine Überschrift über alles.

Die folgenden biblischen Traditionen bzw. Textstellen hören wir mit, und sie prägen unsere Vorstellungen:

Im Buch Levitikus (Kapitel 16) wird ein religiöses Ritual beschrieben, in dem einem männlichen Ziegenbock die gegen Gott begangenen Verfehlungen aufgelegt werden, und er wird in die Wüste geschickt, in die Wüste als dem Symbol für Lebensfeindlichkeit. Der Ziegenbock trägt die Verfehlungen weg. Hier geht es aber nicht um stellvertretende Sühne. Martin Luther, der so viele Worte in der Bibel und in unserem Sprachgebrauch geprägt hat, machte daraus den „Sündenbock“.

Wie aktuell dieses Wort „Sündenbock“ gerade ist, zeigt sich in den vielen Verschwörungstheorien, die momentan um die Entstehung des Coronavirus kursieren. Es scheint so zu sein, dass wir Menschen oder zumindest einige unserer Mitmenschen, sehr empfänglich sind, andere verantwortlich zu machen für bestimmte Lebenserfahrungen oder Lebenssituationen. Jemandem die Schuld aufzuladen, ist einfach und oft reflexartig: Jemandem die Schuld aufzuladen für die eigene Befindlichkeit, für vermeintliche Ungerechtigkeiten, für vermeintliche Verschwörungen gegen einen selbst, gegen die eigene Religion etc. Ein äußerst gefährliches Pflaster, auf dem in der Weltgeschichte und auch in der Kirchengeschichte schon viele herumgestampft sind... Hier gilt es wachsam zu sein, auch und gerade als gläubige Menschen: Fakten statt fake-news.

In der Bezeichnung Lamm Gottes spiegeln sich, christlich geprägte, aber in ihrem Ursprung zentrale jüdische Traditionen wieder. Für biblische Menschen schwingt dies mit: Zum einen die Pessachtradition, das zentrale jüdische Fest, das an den Auszug aus Ägypten und die Rettung und Befreiung aus der Versklavung in Ägypten erinnert, eine zentrale Erfahrung des Judentums. Gott als der gute Hirte: ein Bild, so schön beschrieben in Psalm 23, das schon vielen Menschen Trost und Hoffnung gegeben hat.

Des weiteren klingt in dem Matthäustext das sogenannte Lied vom leidenden Gottesknecht an:  Der Knecht ist ein Mann der Schmerzen, ein zu Unrecht Leidender, ein leidender Gerechter, der die Leiden der Mitmenschen auf sich nimmt. Das Leiden wird hier dargestellt als Opfer, das die Schuld der Täter sühnt.

All diese Bibelstellen und Traditionen haben ihren Einfluss gehabt auf die Erzählungen und Überlieferungen von Jesu Tod am Kreuz, auf die Vorstellung vom letzten Abendmahl, auf den Glauben vieler Menschen vor uns, auf die Dogmatik, die Liturgie und nicht zuletzt auf unseren Glauben.

Erbarmen

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.“

Laut Duden bedeutet erbarmen: „jemandem aus Mitleid helfen“. Die christliche Tradition kennt das Herzensgebet, eine worthafte Meditation, die kurze Gebete oder Psalmenverse immer wiederkehrend betet, mantrahaft meditiert. Ein solches Herzensgebet lautet z.B. „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“

Wir Menschen benötigen Zuspruch und Erbarmen, mit Worten und mit Taten. Als Gläubige wissen wir auch, wie wichtig das Gefühl ist, dass sich Gott unser erbarmt, dass wir uns aufgehoben fühlen. In einem Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch heißt es: „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig aus gespannt.“

Das Wort „Mitleid“ hat bei einigen Menschen eine negative Bedeutung. Nimmt man es vom Wortsinn her - mit-leiden - ist es ein zutiefst solidarischer und liebevoller Akt. Das Erbarmen, die Barmherzigkeit ist ein Grundzug Gottes.

Menschen, die glauben, ohne das Erbarmen Gottes oder das Erbarmen anderer auszukommen, sind im doppelten Sinn „erbarmungslos“. Beispiele dafür gab und gibt es genug: alle Lenker totalitärer Staaten, die keine Gerechtigkeit und kein Erbarmen kennen.

Da ist es gut, wenn wir im Agnus Dei bekennen, wie sehr wir auf das Erbarmen angewiesen sind.

 

Frieden

Das Agnus Dei folgt im Gottesdienst direkt auf den Friedensgruß. Lange haben wir in der katholischen Kirche darum gestritten und gekämpft, diesen Friedensgruß auch mit einer Geste zu verbinden, sei es mit einem Handschlag oder mit einer Umarmung oder einem anderen Zeichen „des Friedens und der Versöhnung“. In den 70er und 80er Jahren verbanden wir mit dem praktizierten oder nicht praktizierten Friedensgruß im Gottesdienst oft die Frage, wie fortschrittlich ein Christ oder eine Kirchengemeinde ist. In diesen Tagen der Coronapandemie, wo unsere Gottesdienste zu „stillen Messen“ mit Abstand und Mundschutz geworden sind, hat sich die Frage gerade erübrigt.

Frieden kann und muss man tun, man kann nicht nur abwarten, dass Frieden passiert. Und da ist es doch gut, wenn wir zunächst um den Frieden bitten. Gott ist barmherzig und wendet sich uns zu. Das glauben wir, darum bitten wir und das können wir weitergeben.

 

Hier hat der Frieden seinen Platz: Im Agnus Dei, dem Gebet oder Gesang zum Brotbrechen vor der Kommunion, vor dem eucharistischen Sakrament der Gemeinschaft.

Wir Menschen machen die Erfahrung, dass wir nicht ohne Schuld und Sünde leben können. Trotz aller guten Vorsätze sind wir immer wieder Sünder, nicht nur, wenn wir ein Schokolamm vertilgen, das eine „Sünde“ wert ist... Wir machen Fehler, verletzen andere versehentlich oder auch absichtlich. Das setzt aber voraus, dass wir unser Denken und Handeln in Frage stellen und überprüfen. Das muss man wollen und tun. Nicht alle Menschen sind dazu bereit – eine Erfahrung der Geschichte und der Gegenwart. Damit sind wir eigentlich wieder beim Anfang: Wir Menschen und die Welt brauchen die Erfahrung der Vergebung, des Erbarmens und des geschenkten und erarbeiteten Friedens.

Baruch de Spinoza, Philosoph des 17. Jahrhunderts sagt: „Friede ist nicht Abwesenheit von Krieg. Friede ist eine Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit.“

Wir leben gerade in einer sehr besonderen Zeit: irgendwie ausgebremst durch lockdown und Kontakteinschränkungen. Wir machen uns – zu Recht – Gedanken darüber, wie das äußere, soziale Leben sich trotz und mit Distanz weiten kann. Immer noch gelten die Hygieneregeln: Händewaschen: zwei Vater-unser lang, 30 Sekunden...

Ich werde einmal die Zeit nehmen, ob auch das zweimalige Agnus Dei 30 Sekunden ausfüllt. Es wäre eine gute Möglichkeit, über Vergebung, Erbarmen oder Frieden zu meditieren...

 

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, gib uns deinen Frieden.

 

 

Barbara Bögge-Schröder


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